Die Talwandlerin...jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden


Die Talwandlerin

oder...Das Mädchen, das auszog, ihre Welt zu erobern

 

Es war ein heißer, flirrender Sommertag im August, damals in den 70ern. In der Luft lag der Geruch von Zuckerwatte, Langos und Maiskolben: Der Rummel war in der Stadt, wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr zog es viele Menschen dorthin, auch meine Mutter machte sich auf den Weg. Diesen einen Rummel sollte sie jedoch verpassen - keine Zuckerwatte, kein Langos und auch kein Maiskolben, dafür ein Baby. Mich. So wurde es mir jedenfalls überliefert, denn mein Erinnerungsvermögen an das Ereignis meiner Geburt ist, wie bei vielen anderen auch, ein wenig getrübt, oder besser, nicht vorhanden. Und ich halte es durchaus für eine nicht so schlechte Idee, die eigene Geburt aus der Erinnerungskiste zu werfen, denn wenn ich um meine Geburt wüsste, ohne dem ganzen Verherrlichungsdings...danke, aber nein danke, denn wie sagt man so schön? Zuviel Wissen macht Kopfweh...

So, nun aber weiter im Text, wir haben ja nicht ewig Zeit, oder doch? Nein! Natürlich nicht! Wir haben ja schließlich was vor, wir wollen ja was werden. Aber was? Ja keine Ahnung! Irgendwas oder besser - Irgendwer.

Moment - wenn wir aber erst wer werden müssen, wer sind wir dann bevor wir der sind, der wir werden müssen? 

Nun, ich stelle mir das so vor: Der Bildhauer (zb. Michelangelo - wenn schon, denn schon) bearbeitet das Material und wenn er fertig ist, dann steht da der "David" in seiner ganzen Pracht, fertig zum bewundern und bestaunen...wow.

So, Schluß mit den Träumerein, denn die Bildhauer die uns "bearbeiten" sind nicht immer Michelangelos, ganz im Gegenteil, manchmal sind es sogar richtige Stümper, wahre Kunstbanausen und das was dabei rauskommt, ist dann auch nicht immer "wunderschön". Aber wer sind diese Stümper verdammt? Möglicherweise....nein, das kann nicht sein...oder doch? Ja, es stimmt. Manchesmal (immer) sind wir selbst diese Stümper. Aaarrggghhh...

Die ehrliche Idee davon, dass wir selbst möglicherweise und eventuell die Verantwortung dafür tragen, wer oder was wir sind und werden, trifft uns wie ein Fausthieb...mitten ins Gesicht: "Waaaas?!" möchte man da schreien "Was kann ich denn dafür, das...!", "Also den Schuh zieh ich mir jetzt sicher nicht an!" sssccchhhh, keine Aufregung, ganz ruhig...tief durchatmen, einen Schluck Tee (optional auch Jägermeister)...so, ich glaub jetzt gehts wieder.

Also, was wenn wir selbst verantwortlich sind? Würde das dann nicht bedeuten, dass wir es auch selbst ändern können? Würde das denn nicht bedeuten, dass wir uns täglich, stündlich, minütlich selbst neu bearbeiten können? Ja, genau DAS bedeutet das. 

Das hört sich jetzt total leicht an, ist es aber nicht. Im Gegenteil. Der Moment in dem man ganz ehrlich mit sich selbst ist und erkennt, dass man es selbst in der Hand hat und auch selbst die Verantwortung für sein Leben trägt, ist ein großer, schwerer Moment (manch einer kommt hier auf die Idee, sein Leben niederzuschreiben). Oftmals wird dieser Moment begleitet von Zweifel, Zorn und Traurigkeit - aber durch dieses Tal der Tränen muss man gehen, um das vielzitierte "Licht am Ende" (ich meine jetzt aber nicht das vorzeitige, physische Verlassen dieses, unsres Erdenrundes) sehen und spüren zu können. Manchmal braucht`s sogar viele Täler und viele Tränen.

Und wenn sich jetzt jemand fragt: "Und wer is de, dass do gescheit daherredt?" Nun, ich bin eine von Vielen. Ich bin eine Talwandlerin. Eine nicht sehr sportliche, weshalb ich für manche Täler etwas länger brauch`. Und da ich nun schon länger unterwegs bin, würde ich mich dann und wann über Gesellschaft freuen. Manchmal gehe ich aber auch gerne allein ein Stück, nämlich dann, wenn ich mich zu erinnern versuch, an das Mädchen, das auszog, ihre Welt zu erobern...to be continued

 

"Schimpflich ist es, nicht zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und mitten im Wirbel der Dinge verblüfft zu fragen: Wie bin ich bloß hierher gekommen?"  Seneca